OFEP: Klara Naynar vom Hiasnhof auf Besuch in Bhutan

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Im Sommer 2019 verbrachte Klara Naynar vom Hiasnhof im Lungau, Gastbauernhof für unsere jährlichen OFEP Kandidat/innen aus Bhutan, ein einmonatiges Praktikum im kleinen Königreich. Sie wohnte auf den Bauernhöfen unserer Partner/innen in Zhemgang und Tang und lernte mehr über die Landwirtschaft und verschiedene lokale Gebräuche kennen, unter anderem auch die beeindruckende Gastfreundschaft. Klara hat zu ihrem Aufenthalt einen interessanten Bericht geschrieben.

LW-Praktikum in Bhutan: Vom subtropischen Zhemgang ins alpine Bumthang.

Erlebnisbericht von Klara Naynar

Spontan überkam mich letzten Frühling die Idee, mein landwirtschaftliches Pflichtpraktikum für mein Agrarwissenschaftenstudium in Bhutan zu absolvieren. Ulli Cokl vom Verein Bhutan Netzwerk konnte mir dies ermöglichen und so verbrachte ich im September 2019 vier Wochen in Bhutan.

Nach meinem einwöchigen Zwischenstopp in Nepals chaotischer Hauptstadt Kathmandu, fühlte ich mich nach der Ankunft in Bhutan anfangs wie im Paradies. Abgesehen davon, dass ich endlich wieder unverschmutzte Luft einatmen konnte und keinen hupenden Rollern mehr ausweichen musste, war die unvergleichbare bhutanische Gastfreundschaft eine sehr prägender erster Eindruck für mich. Am Flughafen in Paro wurde ich von Thinley mit einem weißen Zeremonialschal als Begrüßung und einem „Miss Klara Naynar“-Schild empfangen. Thinley ist der Leiter der Kooperative KNC in Zhemgang und war während meinem vierwöchigen Aufenthalt in Bhutan mein Seelsorger, Organisator, Ansprechpartner, Chauffeur und Informant. So klärte er mich gleich am Anfang über zwei meiner ersten und erstaunlichsten Beobachtungen auf. Erstens: viele Bhutaner/innen haben rote Zähne und Lippen, weil sie Betelnüsse zusammen mit Löschkalk zum Zwecke einer beruhigenden Wirkung kauen. Es gibt eine rote Farbe ab. Zweitens: auf Häusern in Bhutan ist oftmals ein künstlerisch verzierter Penis, ein sogenannter Phallus, in vielen Farben und Formen gemalt, um der Familie in verschiedenen Hinsichten Glück zu bringen und Übel abzuwehren. Abgesehen von diesen Beobachtungen, zählten auch die imposanten und aufwendig verzierten Häuser, die traditionelle Kleidung der Bhutaner/innen (Gho und Kira) und Verkehrsschilder mit Sprüchen wie „no hurry, no worry“ zu meinen ersten positiven Eindrücken.

Nach zwei Tagen Sightseeing in der Hauptstadt Thimphu ging es dann weiter südöstlich in den subtropischen Teil von Bhutan – nach Zhemgang. Es erwartete mich eine holprige, elfstündige Autofahrt durch die verschiedenen Vegetationszonen und Höhenstufen Bhutans. Mein anfänglich mulmiges Gefühl wegen möglicher mir unbekannter wilden Tiere in den subtropischen Gebieten, wurde kurz vor Ankunft in Zhemgang bestätigt, als wir beinahe eine Schlange, die sich über die gesamte Breite der Straße erstreckte, überfuhren.

In Zhemgang angekommen, gab es ein freudiges Wiedersehen mit Tshering und Tashi, die 2017 bzw. 2018 durch das Bhutan Netzwerk bei mir am Hof im Lungau waren. Die zehn Tage in Zhemgang verbrachte ich hauptsächlich mit den beiden und half ihnen bei ihren alltäglichen Arbeiten bei KNC. Diese inkludierten hauptsächlich das Bananen ernten und weiterverarbeiten zu „Banana Candy“ oder „Banana Chips“. Ich habe viel über den Bananenanbau gelernt und war generell überwältigt von all den für mich exotischen Pflanzen.

Interessante Info: Bananenpflanzen sind keine Bäume, sondern Stauden mit Scheinstämmen und bei der Bananenernte wird die gesamte Mutterpflanze umgehackt und den Kühen als „Kraftfutter“ gefüttert).

Auch an meine Mitbewohner (unzählige Eidechsen) und an die eine oder andere handflächengroße Spinne am Plumpsklo habe ich mich schnell gewöhnt.

 

Einige Tage verbrachte ich auch am Hof von Leki und seiner Frau, ein Mitglied von KNC. Sie haben Mandarinenbäume, ein Reisfeld und andere Kulturpflanzen zur Eigenversorgung. Ihre Milchkuh gibt einen Liter am Tag. Die Milch, die einige Tage ungekühlt gelagert wird, haben wir dann zu Butter und Topfen weiterverarbeitet. Die Oma der Familie hat mir auch gezeigt, wie man den bhutanischen Schnapps „Ara“ (von dem ich während meines Aufenthaltes in Bhutan zu viel trinken „musste“) aus Mais zubereitet.

Abgesehen von den landwirtschaftlichen Tätigkeiten war meine Zeit in Zhemgang geprägt von kulturellen Festivitäten. Einmal wurde ich von einem buddhistischen „hohen Priester“ gesegnet oder war geladener Gast beim Landeshauptmann. Vor allem für die Einwohner von Lekis Dorf ist es eine äußerste Seltenheit, eine/n Tourist/in zu erblicken. Diese Tatsache kombiniert mit der bhutanischen Ideologie „der Gast ist König“ wurde ich, zu meiner anfänglichen Verwunderung und Unverständnis, tatsächlich behandelt wie eine Königin. Nur mit meiner Überredenskraft wurde es mir erlaubt, bei den Arbeiten mitzuhelfen oder keine dritte Portion Reis mehr essen zu müssen.

Nach Ablauf der zehn Tage in Zhemgang war es an der Zeit, in den Distrikt Bumthang aufzubrechen. Eine achtstündige Autofahrt mit Thinley später, nur 40 Kilometer Luftlinie nördlicher sowie 2500 Meter Seehöhe höher und ich befand mich im Tang Tal. Andere Klimazone, andere Vegetation, andere Pflanzen. Die Ankunft in Bumthang bedeutete einerseits die Verabschiedung von Thinley, aber andererseits auch das Wiedersehen mit Ongmo, Leki, Kuenzang und Dechen, die alle schon bei mir am Hof im Lungau waren. Jeweils etwa drei Tage verbrachte ich auf jedem der vier Höfe. Die Arbeiten auf den Höfen waren ähnlich: Kühe melken und die Milch weiterverarbeiten; Kartoffeln sortieren und verpacken, um sie für den Verkauf in Indien bereit zu machen; bei der Hausarbeit und bei handwerklichen Tätigkeiten mithelfen; Chilis ernten; die Reisfelder vor den Vögeln beschützen. Meine Hauptaufgabe als Gast war es jedoch soviel wie möglich zu essen und am besten bei jedem einzelnen Nachbarn den hauseigenen, selbstgemachten Alkohol (Schnaps erhitzt und vermischt mit geschmolzener Butter und einem aufgeschlagenen Ei) zu probieren.

 

Generell habe ich die Sozialstruktur und auch die Arbeitsmoral in Bhutan sehr genossen. Egal, ob beim Arbeiten oder in der Freizeit, ich war immer unter Menschen, selten allein. Alle zwei Stunden wurde Pause gemacht, um Milchtee oder Buttertee zu trinken und gepresste Maiskörner zu naschen. Oft gab es (meist religiöse) Anlässe, um mit den Nachbarn gemeinsam zu kochen, Alkohol und Tee zu trinken und dann noch ein paar Stunden zu plaudern. Ein sehr gemeinschaftliches und familienbezogenes Leben, welchem viel Respekt entgegengebracht wird. Es löste mich von der Schnelllebigkeit und Hektik, die ich von Österreich gewohnt war.

Die für mich schönste Abwechslung zu Österreich war aber der frugale und anspruchslose Lebensstil. Mit den Fingern, im Schneidersitz am Boden sitzend, drei Mal täglich schmatzend Reis und Chili essen. Neben dem Kachelofen am Boden mit der Arbeitsbekleidung einschlafen. Sich bei der Wasserstelle vorm Haus waschen und sich zum Baden in die mit Wasser gefüllte Tonne setzen. Auf wundersame Weise machte es mich ausgesprochen glücklich.

Als Agrarwissenschaftsstudentin legte ich natürlich ein besonderes Augenmerk auf die Landwirtschaft und schnell wurde mir bewusst, was es heißt, ein/e Landwirt/in in Bhutan zu sein. Aufgrund des Jagdverbotes und der folglich fehlenden Wildtierregulation müssen die Felder Tag und Nacht vor Wildtieren beschützt werden, vor allem vor Wildschweinen, um einen Ernteausfall und somit einen Verlust des Haupteinkommens zu verhindern. Einen Elektrozaun können sich (vor allem in Zhemgang) viele nicht leisten. Die meisten Bauern/Bäuerinnen bewirtschaften manuell, bzw. mit Ochsen und Pflug. Meistens gibt es keine Weide für die Kühe und Ochsen, sie werden in den Dschungel gelassen und fressen, was sie finden. Natürlich wirkt sich das dementsprechend auf die Milchleistung der Kuh aus. Viele haben auch ein Problem mit der Vermarktung ihrer Produkte, da es, außer in Indien, wenig Absatz gibt. Umstände, die als österreichische/r Landwirt/in nicht bedeutend sind und deshalb umso eindrucksvoller auf mich wirkten.

Nach meinem Aufenthalt in Bhutan kann ich nun stolz behaupten, dass meine Toleranzgrenze gegenüber sehr scharfen Gerichten (keine Mahlzeit ohne Chilischoten), starkem Alkohol sowie großen Insekten und Spinnen um einiges gestiegen ist. Außerdem habe ich gelernt, dass es ein guter Smalltalk-Einstieg ist, jemand Fremdes zu fragen, ob er/sie denn verheiratet sei. Dass man erst 20 Jahre alt und somit zu jung dafür sei, gilt offenbar nicht als Argument.

© Klara Naynar Feb. 2019

Klara ist Studentin der Agronomie an der Universität für Bodenkultur in Wien. Ihre Familie im Lungau beherbergt jährlich unsere OFEP Kandidatinnen aus Bhutan.

(Fotos © Klara Naynar)

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