Tauschhandel in Bhutan in Zeiten von Corona

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Beitrag von Dorji Bidha (DrukgyelFarmers), auch veröffentlicht auf Bhutan Homestay

Bis in die 1980er Jahre praktizierten die Menschen in ganz Bhutan Tauschhandel. Im Jahr 1974 führte die RMA (Royal Monetary Authority of Bhutan) unsere Währung, den Ngultrum ein. Daraufhin sprossen selbst in abgelegenen Teilen des Landes die Geschäfte wie Pilze aus dem Boden. Die DorfbewohnerInnen begannen nun also einzukaufen.

Viele Bhutaner und Bhutanerinnen haben den Tauschhandel jedoch noch nicht aufgegeben und führen ihn parallel zum Geldgeschäft weiterhin durch. In unserer Landessprache Dzongkha heißt Tauschhandel jetshong. Unter jetshong versteht man den Austausch von Waren und Dienstleistungen gegen andere Waren und Dienstleistungen, ohne die Verwendung eines Tauschmittels wie Geld. Bhutan ist zwar ein kleines Land, besteht aber aus verschiedenen ökologischen Zonen, die jeweils ihre eigenen landwirtschaftlichen Erzeugnisse produzieren. Der Hauptgrund für den Tauschhandel besteht darin, Produkte aus diesen verschiedenen Zonen zu tauschen. Das kommt daher, dass die DorfbewohnerInnen früher vollständig von der Landwirtschaft abhängig waren. Wir tauschen aus eigenem Antrieb, unbürokratisch und ohne Zeugen oder Papierkram. Der Tauschhandel ist möglich aufgrund des Vertrauens, das wir einander entgegenbringen. Dieses Vertrauen wurde über lange Jahre  aufgebaut, aufgrund unserer gemeinsamen Erfahrung, dass das bäuerliche Leben für alle gleich hart war.

Wer sind wir?

Wir sind die Bauern von Tsento gewog in Paro. Wir sind in der subalpinen Region Bhutans ansässig und bauen Nutzpflanzen wie Reis, Mais, Chilis und Weizen an, die wir dann mit den Menschen, die in den höher gelegenen Almengebieten leben, gegen Butter, Käse, Kräuter und Sträucher eintauschen. Zum Beispiel bauen wir in den wärmeren Jahreszeiten im Paro-Tal reichlich rote Chilis an; wir trocknen einige davon und tauschen sie dann im Winter mit den Nomaden von Soe und Yaksa aus. Soe und Yaksa sind eine Hochgebirgsregion, etwa 4000 m über dem Meeresspiegel, drei Tage und zwei Nächte zu Fuß vom Paro-Tal entfernt, entlang der Jomolhari-Trekkingroute. Die Halbnomaden, die dort leben, tauschen im Gegenzug ihr getrocknetes Yak-Fleisch und ihre Butter mit uns. Gegen ein Kilo Trockenfleisch tauschen wir ein Kilo Chilis. Wir tauschen auch unseren Weizen gegen ihre Kräuter und bestimmte Sträucher, die wir als Weihrauch bei Ritualen einschließlich unserer täglichen Morgenopfer in unserem Altarraum verwenden.

Der beliebteste Tauschgegenstand ist fermentiertes Fleisch (ma sha). Ma sha wird aus frischem Yak-Fleisch hergestellt, das in den Monaten Dezember und Januar aus dem Hochgebirge des Himalaya zu uns in die tieferen Lagen gebracht wird. Wir wickeln es in ein sauberes weißes Tuch und hängen es in unserem Dachboden auf. Dort fermentiert es einige Monate lang vor sich hin. Ma sha verbreitet einen angenehmen Geruch während des Paro tshechu (alljährliches Fest mit Maskentänzen). Wir lieben ma sha und essen es zusammen mit Ezay (Chilisauce) während der Mittagspause des Festivals auf dem Bogenschießplatz.

Saphu – die erste Ernte als Dank opfern

Als Zeichen der Dankbarkeit ist es Tradition der Parop (Menschen in Paro), Saphu (den ersten Teil einer neuen Ernte) als Opfer darzubringen. Im Oktober schickt mich meine Mutter mit Saphu zu unseren Yak-Hirtenfreunden nahe der Tsophu-Zwillingsseen. Saphu aus meinem Dorf besteht aus frischen Reisflocken, die später mit Yakbutter, Milch und Joghurt vermischt werden. Frischer Reis und Chilis werden ebenfalls als Saphu betrachtet. Saphu seitens der Yakhirten besteht aus Ma sha, Butter und Käse.

Bei der Saphu Tradition geht es nicht um die Menge, sondern um die Absicht: die Aufrechterhaltung der harmonischen Beziehungen, Thuenlam, die in der Tauschtradition so wichtig sind. Es ist eine Danksagung, die den jährlichen Gebeten für gute Gesundheit und eine gute Ernte folgt, in der Hoffnung auf erneuerte gute Beziehungen und Gebete für die kommenden Tage und Monate bis zur nächsten Ernte.

Auch letztes Jahr schickte mich meine Mutter also mit Saphu zu unseren Freunden zu den Tsophu-Zwillingsseen. Das ältere Ehepaar dort war sehr glücklich zu wissen, dass es meinen betagten Eltern gut geht. Im Gegenzug schicken unsere Freunde Saphu, bestehend aus frischen Yak-Produkten und tibetischem Rettich.

Generationsüberschreitende Tauschbeziehungen

Im Fall meines Familienhaushalts besucht der Yak-Hirte Jojo Paso, jetzt in seinen 70ern, jeweils im Herbst unseren Bauernhof. Als junger Mann war Jojo Paso für seine körperliche Kraft und Fitness bekannt. Er bringt uns immer noch frisches Yakfleisch, Butter, Käse (hart und weich) sowie Kräuter und Räucherwerk (Sträucher). Immer wenn er uns besucht, wohnt Jojo Paso bei uns in Paro – wir sind seine traditionellen Gastgeber, nyep. Er kauft alles ein was er für den bevorstehenden harten Winter- und die ersten Frühlingsmonate braucht, einschließlich Futter für seine Yaks. Er teilt uns auch all die Neuigkeiten aus seinem und anderen Bergdörfern mit, zum Beispiel wie sein jim (Yakkuh) ein gesundes Kalb zur Welt gebracht hat.

Jojo Paso wird eine Woche lang bei uns bleiben, und wir helfen ihm mit seinen Einkäufen und Erledigungen. Danach kehrt er nach Hause zurück.

Als ich klein war, erklärte mir meine Großmutter warum Jojo Paso immer so früh morgens die Rückreise antreten musste. Sie erzählte von all den Vorfällen, bei denen Nomaden ihre Lager spät erreichten und unterwegs vom Himalaya-Yeti (Migoi in Dzongkha) überrascht wurden. Nomaden ziehen es deshalb immer vor, bei Tageslicht zu reisen!

Jum Pem Lham, die Frau von Jojo Passo, muss sich während seiner Abwesenheit um Hunderte von Yaks kümmern, weshalb sie Paro nur selten besucht. Aber wenn sie einmal kommt, dann während des Paro-Festes, damit sie ihre feinste Kira (traditionelle bhutanische Tracht) tragen und den Tag in vollen Zügen genießen kann.

Uralte Traditionen und anhaltende Bedeutung

Die Covid-19-Pandemie wirkt sich auch in Bhutan auf die Wirtschaft aus. Ein positiver Aspekt ist jedoch, dass sie die großen Vorteile des uralten Tauschhandelsystems für Menschen  in meinem Dorf aufzeigt und die Bedeutung  dieser informellen Tauschbeziehungen erneut hervorhebt.

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